Hans-Joachim Stenzel – Warum ich male

Suedtirol_im_April_9.4.92

Schon als Kind war ich erstaunt über die große Wirkung von Wäldern, Flüssen und Wolken auf mich. Nach Afrika wollte ich reisen, um die fremden Tiere zu sehen, den Kilimandscharo. Ich erlernte die Maltechniken, ich lernte Zeichnen – bis zum heutigen Tag.

Die Farbe aber war mir das Wichtigste: Dieser Klang, vor dem man sich fürchten oder über den man Freude empfinden kann. Als Vierjähriger durften meine Eltern mich nicht in einen zu dunklen Wald führen. Ich hielt diese Bedrohung nicht aus, die Dunkelheit der Töne, die Spiegelung des Wassers. Das Licht der Sonne aber beglückte mich. Die Entstehung einer Wolkenbank, eines Gewitters, die großen Baumkronen des Oderwaldes konnten mich begeistern.

Seit siebzig Jahren sind all diese Erscheinungen meine Begleiter. Hier ist der Quell meiner Malerei. Ich hatte bis 1945 wenig Ahnung von Stilrichtungen, und diese sind auch nicht weiter von Belang. Zu viel Wissen schadet der Intuition, der Phantasie, welche die wichtigste Grundlage für das künstlerische Schaffen ist. Künstler darf sich nur der nennen, der „Eigenes“ auf eigene Weise ausdrücken kann. Wer von da und von dort kopiert, ist bestenfalls ein guter Techniker, aber kein Künstler. Ein Erfinder, und ein solcher sollte der Maler sein, kann es sich nicht leisten, eine Erfindung ein zweites Mal beim Patentamt anzumelden. Malen ist ein Suchen nach neuen Ausdrucksmitteln, nach Farben, die möglichst noch nie gemalt, nach Formen und Vereinfachungen, die möglichst noch nicht da waren. Sind die Möglichkeiten auch noch so gering, suchen kann man sie in der Natur. Die Schöpfung ist nach wie vor mein großer Lehrmeister; hier ist alles mit einem geschulten Auge zu finden.

Welchen Riesenaufwand treiben wir, um die Zerstörung der Natur zu mindern, die wir angerichtet haben. Mit diesem Riesenaufwand gestehen wir ein, dass wir uns geirrt haben. Niemals aber irrt sich die Natur. So irren wir auch, wenn wir glauben, jedes Ding sei ein Kunstwerk, man müsse es nur richtig präsentieren. Noch finde ich in der Natur genügend Darstellbares. Ich weiß, es ist alles tausendmal gemalt worden, doch es kommt auf das Wie an, auf die Begabung und Phantasie des Malers. Ich habe hier das Werk von Horst Janssen und Gerhard Richter vor Augen. Beide schöpfen aus der Natur, beidde gehen mit der Kraft ihrer Phantasie vom Gegenstand aus und fort in eine neue Welt, die neu ist und echt.

Die Technik des Malers sollte bis zur höchsten Vervollkommnung getrieben werden. Beim Anhören großer Tenöre vergisst der Hörer all die Mühen und Proben, die schließlioch zu dem großen Ergebnis führen. Beides, Interpretiertes und Technik, gehören zusammen. In der Malerei muss alles Ausdruck sein. Beim Hören und Sehen darf man an nichts mehr denken, sondern nur bewundern.

Mit großer Disziplin gehe ich jetzt noch, mit 70 Jahren, an die Vereinfachung all dieser Probleme mit einer möglichst überzeugenden Wirkung heran. Nicht wahllos Effekte erheischen, sondern Stück um Stück gestalten. Einen Baum in eine neue Welt zerlegen. Das Tier mit seinem Charakter, seiner Umwelt darstellen, den unermüdlichen Menschen, seine Schönheit, sein Leben zeigen.

Vor einem Kunstwerk stehe der Betrachter: Er muss nicht wissen, wie und warum es ist, nur festhalten soll es ihn, überraschen. Ein Fest für das Auge muss es sein, sagte schon Delacroix.

Horst Janssen schrieb einmal im Hinblick auf seien Arbeit: „Es bedarf nicht eines angestrengten Hinstarrens, um festzustellen, ob von links nach rechts oder von rechts nach links etwas geschichtet wird. Sie finden hier keinen Arschfalten, Brustpflaumenberg, der die Biennalen unserer Zeit füllt.“

Hans Joachim Stenzel